Vor knapp drei Jahren wandten sich zwei Lehrkräfte aus Brandenburg in einem verzweifelten Brandbrief an die Medien. An ihrer Schule seien antisemitische, rassistische und antidemokratische Denkweisen Tagesprogramm, so berichteten sie. Der Alltag sei zunehmend geprägt davon für die Sicherheit demokratisch liberal eingestellter Kinder zu sorgen. Auf dem Schulhof seien nationalsozialistische Parolen zu hören, Eltern würden E-Mails mit dem Gruß der Nazis beginnen.
Dieses drastische Beispiel ist allerdings keineswegs ein Einzelfall. Faschistische Ideologien und rechtes Gedankengut sind seit mehreren Jahren scheinbar stetig in unserer Gesellschaft hervorgetreten. Mit raschem Fortschritt haben sie anscheinend auch die Klassenzimmer erreicht. So berichteten viele Bundesländer in den letzten Jahren von einem Anstieg an rechtsextremistischen Vorfällen in Schulen. Vereinzelt verdoppelte bis verdreifachte sie sich sogar. Ganz zu schweigen von den Vorfällen die es erst gar nicht bis zu den entsprechenden Behörden geschafft haben. Die Summe an Erfahrungsberichten steigt ebenfalls, zunehmend scheinen Jugendliche dem Rechtspopulismus zu verfallen.
Die Hemmschwelle sinkt
Nur woher der rapide Anstieg? Spiegelt sich in unseren Schulen etwa der zunehmende Rechtsruck in der Gesellschaft wieder? Wie kann es sein, dass auf einmal nationalsozialistische Ideologien und menschenfeindliche Denkweisen sich in den Schulalltag eingliedern? Der Südwest Rundfunk (SWR) berichtet auf Aussagen Betroffener hin, dass „die Hemmschwelle sinkt“, sprich Jugendliche würden weniger vor rechtsradikalen Aussagen und Denkweisen zurückschrecken. Die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) verweist andererseits auf Forschungsergebnisse, welche die Entwicklungen auf familiäre und soziale Tendenzen zurückführen. Radikalisiert sich die Jugend also?
Andere Berichte zeugen Einfluss durch die sozialen Medien: Allein die Präsenz von propagierenden Videos der AfD oder auch von rechtsextrem angelagertem Content kann hier eine Rolle spielen. Auch durch Sozialisierung innerhalb der rechtsextremen Szene, welche den bundesweiten rechten Tendenzen entsprechend stark an Präsenz gewinnt, können rechte Tendenzen bei jungen Menschen entstehen. Zudem spricht die BpB von einer zunehmenden Anerkennung rechter Denkweisen als Teil des Meinungsspektrums.
Vorfälle reichen also von Parolen, Witzeleien und unüberlegten Sprüchen, bis hin zu Anfeindungen, Drohungen und Anschlägen auf Minderheiten oder opponierende Standpunkte. Inwiefern sprechen wir hier also von Rechtsextremismus – also der politischen Überzeugung – und von Rechtspopulismus, sprich einer geradezu trendartigen Verbreitung rechter Denke? Um diese Frage beantworten zu können, ist es nötig erneut auf die Ursachen zu blicken: Handelt es sich um „Mitläufertum“, Mangel an Bildung oder Reflexionsfähigkeit oder um jugendliche Neonazis, welche rechte Überzeugungen pflegen? Die Antwort mag leider sein: Sowohl als auch. Sowohl rechtsradikale Denkweisen sowie Vertreter der rechtsextremen Szene sind im Spektrum dieser Entwicklung zu finden, als weiterhin auch unüberlegte Nachahmer. So hört man oft die Begründung die entsprechenden Jugendlichen würden „Grenzen austesten“ oder „Tabus brechen“. Auch hier steht eine niedrige Hemmung im Vordergrund, die Jugendlichen würden also weniger vor rechten Aussagen zurückschrecken.
Natürlich ist es wichtig zu unterscheiden, ob ein:e Jugendliche:r sich in der rechtsextremen Szene bewegt und Propaganda an den Lippen hängt oder ob er:sie eben einfach nur „Grenzen austesten möchte“, wie man so „schön“ sagt. Dennoch ist letzteres nicht nur ein Zeichen von emotionaler Unreife, es befördert auch den generellen, sich lockernden Umgang mit rechten Ansichten. Wenn man erneut auf die Jugendlichen blickt, die rechtsextreme Überzeugungen hegen, findet sich oft ein Zusammenhang zwischen Gesinnung der Kinder und der der Erziehungsberechtigten. Allerdings haben soziale Medien und soziale Gruppierungen, in denen sich Jugendliche bewegen, häufig einen ähnlichen Einfluss auf ihre Meinung und Identität. Es spielen folglich rechtsextreme Ansichten die prominenteste Rolle innerhalb der Thematik, während Rechtspopulismus deren Verbreitung begünstigt.
Max Teske, einer der beiden Lehrkräfte, die sich im April 2023 an die Medien wandten, äußerte sich kritisch über das Schulministerium Brandenburg. Er habe von dessen Seiten eine klare Haltung vermisst. Die Beiden Lehrkräfte mussten damals schlussendlich die Stadt verlassen, sie waren zunehmend Drohungen ausgesetzt, vor Allem innerhalb der sozialen Medien.
Auch andere Erfahrungsberichte sprechen häufig von mangelnden Maßnahmen entgegen faschistisch anmutenden Schüler:innen. Oft seien Lehrer:innen überfordert mit entsprechenden Situationen, wüssten nicht, wie sie mit diskriminierendem Verhalten im Klassenzimmer richtig umgehen sollten, so die BpB. Nicht selten würden Fälle nicht gemeldet werden, solange sie nicht den Rechtsrahmen überschreiten. So werden Hitler-Grüße auf dem Schulhof, Hakenkreuze an den Wänden et cetera in den wenigsten Fällen an Behörden weitergeleitet. Folglich werden viele, wenn nicht sogar die meisten Vorkommnisse nicht in entsprechende Statistiken der Bundesländer mit einberechnet.
Laura Nickel, die Kollegin Teskes, mit welcher er den damaligen Brandbrief verfasste, spricht in dem Fall ihrer Schule von einer großen Unsicherheit bezüglich der Umstände auf Seiten des Kollegiums. Ihrer Meinung nach lässt sich dies darauf zurückführen, dass die Lehrkräfte aufgrund ihrer Verpflichtung zur Neutralität vor einer Stellungnahme zurückschreckten. Auch sie und Teske schickten ihren Hilferuf zunächst anonym ab, aus Angst vor Anfeindungen von Seiten der rechten Szene, in die viele ihrer Schüler:innen einzuordnen waren.
Schule ist nicht neutral.
Was bedeutet es nun also für unsere Gesellschaft, wenn sich auch innerhalb der Klassenzimmer und Pausenhöfe vermehrt solche Denkweisen finden? Zunächst einmal spiegelt es uns den zunehmenden Einfluss faschistischer Ansichten in unserem gesamten gesellschaftlichen Zusammenleben. Es ist eine Auswirkung der aktuellen Entwicklungen, in welchen auf einmal das rechtsradikale Spektrum an Zuspruch gewinnen zu scheint.
Max Teske meint, die Zahlen sollten als Anlass zu verstärkter Demokratiebildung genommen werden. Außerdem fordert er obligatorische Fortbildungen für Lehrkräfte zum Thema Demokratiebildung, -förderung und im Umgang mit Rechtsextremismus. „Schule ist nicht neutral. Dort wo verfassungsfeindliche Hetze und Symbole auftauchen, muss klar Position ergriffen werden.“, meint auch Christine Melcher, bildungs- und jugendpolitische Sprecherin der Grünen im Sächsischen Landtag. Was es also braucht seien und sind konsequentes Handeln in Form von politischer Bildung und aktiver Stärkung demokratischer Werte in den Gegensatz zu sozialisiertem Rechtspopulismus und -extremismus zu stellen.
* Die ZEIT weist darauf hin, dass die Daten aufgrund unterschiedlicher Erfassungsmethoden in den einzelnen Bundesländern keine vergleichbaren Werte sind.
ZEIT: Fallbeispiel Burg: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2023-07/brandenburg-schulen-rechtsextremismus-lehrer-versaeumnisse
WDR 5 Neugier genügt: Fallbeispiel Burg drei Jahre später: https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/redezeit-laura-nickel-rechtsradikalimus-schule-lehrer-100.html
BpB: Schule und Rechtsextremismus: https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/41396/schule/
SWR: Rechtsextremismus und Schulen: https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/stuttgart/rechtsextremismus-schulen-raum-stuttgart-hitlergruss-100.html
Bündnis 90/Grüne Fraktion Sachsen: Rechtsextreme Vorfälle an Schulen: https://www.gruene-fraktion-sachsen.de/presse/pressemitteilungen/2026/rechtsextreme-vorfaelle-an-schulen/
Die Bundeswahlleiterin: Bundestagswahl 2025 Ergebnissse: https://www.bundeswahlleiterin.de/bundestagswahlen/2025/ergebnisse/bund-99.html
Titelbild: FWG, 21. März bei der Aktion #wesayno: https://www.fwg-koeln.de/home/553-wesayno-zu-rassismus-intoleranz-und-fremdenfeindlichkeit-2?highlight=WyJ3ZXNheW5vIl0=
