Bundeswehr im Größenwahn?

Die Truppenstärke der Bundeswehr soll fast verdoppelt werden. laut dem Institut der deutschen wirtschaft sei der arbeitgeber nicht Attraktiv genug
Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius ist mit Soldaten im Gespräch beim Tag der Bundeswehr 2026 in Weißenfels, am 06.06.2026. ©Bundeswehr/Tom Twardy | Bildquelle: siehe unten

Am 1. Januar ist ein neues Gesetz in Kraft getreten. Die Bundeswehr soll überarbeitet werden, das bedeutet eine bessere Infrastruktur und eine größere Gesamtzahl an Soldat:innen – das verspricht das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz. Schon vor Beschluss am 5. Dezember 2025 wurde das Thema kontrovers diskutiert. Es gründeten sich Protestbewegungen wie etwa die Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“, an denen sich rund 55.000 Schüler:innen beteiligt haben sollen. In dieser Gruppe ist die Ablehnung einer Wehrpflicht auch laut aktuellsten Umfragen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung am Größten. Gründe sind laut dem Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung, kurz DeZIM, die Ablehnung von Gewalt und die fehlende Bereitschaft, das eigene Leben zu riskieren. Dass gerade die junge Generation sich gegen die Wehrpflicht ausspricht, begründet Co-Autor Dr. Jörg Döllmann mit ihrer akuten Betroffenheit. Tatsächlich richtet sich das neue Gesetz nur an die Jahrgänge 2008 und höher. Der Wehrdienst bleibt aber zunächst freiwillig. Die Akzeptanz der Jüngeren ist dafür etwas größer (41 Prozent). 

Doch was bedeutet das neue Gesetz für uns? Bis zum Sommer nächsten Jahres müssen alle 18-Jährigen Männer einen Fragebogen über die persönlichen Fähigkeiten und ihre Motivation ausfüllen. Parallel werden die Kapazitäten der Bundeswehr aufgestockt, sodass eine umfassende Musterung möglich wird. Diese soll dann ab Juli 2027 erfolgen und ist verpflichtend. 

Der Eintritt in den Dienst wird durch Anreize gefördert. Rekruten verdienen monatlich 2600 Euro Brutto. Langfristig bietet das vor allem einen Ausgleich für ein Jahr ohne Studium oder Ausbildung. Ab 11 Monaten wird man ,,Soldat auf Zeit“ und bekommt damit weitere Unterstützung, wie beispielsweise Zuschüsse für den Führerschein. Auf diese Weise soll die Bundeswehr bis 2035 260.000 aus insgesamt Soldat:innen bestehen. Aktuell liegt die Zahl bei rund 187.000.Daher muss eine große Menge Freiwilliger rekrutiert werden. Ab 2031 sollen jährlich etwa 40.000 hinzukommen – letztes Jahr waren es um die 12.300. Das Ziel ist ambitioniert. Auch, weil aktuell rund jeder Fünfte seinen Dienst vorzeitig abbricht und sich in nächster Zeit viele Dienende in Rente begeben werden. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft, Stand 14.11.25, untersucht den zukünftigen Personalzuwachs. Die Prognosen zeigen: Um die Sollstärke zu erreichen, müssten ab 2029 sogar jährlich 50.000 Freiwillige hinzu kommen. Überdies müsse sich die Abbruchquote auf 15 Prozent verringern. Kann das überhaupt funktionieren? Und wenn ja, wie? Laut IW müsse man noch stärker auf die Wünsche der Bewerber:innen eingehen. Abbrüche verhindere man etwa durch eine Prämie für den erfolgreichen Abschluss des Dienstes. Eine weitere Möglichkeit sei die Förderung des Frauenanteils. 

Zurzeit sind nicht viele Frauen in der Bundeswehr. Woran liegt das? Kann die Quote steigen? Wehrbeauftragter Henning Otte schreibt in seinem Bericht, ihn erreichten „immer wieder Eingaben hoch qualifizierter Soldatinnen, die sich benachteiligt oder {…} zu wenig gefördert sehen“. Auch „beanstanden speziell Soldatinnen sexistisches Verhalten“. Sexismus-Vorwürfe stehen immer wieder im Raum. Im Juni letzen Jahres wurde von Missständen im Fallschirmjägerregiment 26 berichtet. Es ging um sexuelle Übergriffe und Drogenmissbrauch sowie Rechtsextremismus. Die Ermittlungen sind immer noch in vollem Gange. Solche Vorkommnisse könnten Auswirkungen auf die Zahl der Bewerbungen haben. Die Daten des DeZIM geben an, dass etwa vier Fünftel sowohl der weiblich als auch migrantisch gelesenen Personen eine Benachteiligung im Dienst erwarten, würden sie eintreten. 

Für die Vergrößerung des Militärs sei also die Attraktivität der Bundeswehr das Entscheidende. Es erfordert aber auch eine hinreichende Infrastruktur sowie das nötige Material. Reichen die Kapazitäten aus? Der Bundeswehr-Infrastrukturbericht für das Jahr 2024 definiert einen Betrag von 67 Milliarden Euro Gesamtinvestitionsbedarf bis 2040. Der Wehrbeauftragte meint, zahlreiche Kasernen müssten dringend generalüberholt werden. Und nicht nur das, auch die Ausrüstungsbeschaffung hat noch Probleme. Dem WDR, NDR und SZ liegt ein interner Bericht vor, laut dem zurzeit Ersatzteile fehlen. Wie soll die Behebung der Mängel bezahlt werden? Dieses Jahr stehen der Bundeswehr 108 Milliarden Euro zur Verfügung. 2029 soll der Wehretat auf rund 152 Milliarden Euro steigen. Die Öffnung der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben macht dies möglich – und schafft Platz im Kernhaushalt. Die Veränderungen erfordern dennoch viel Planung. 

Doch was, wenn die Zahl der Freiwilligen ebenfalls nicht reicht? Dann „ist die Rückkehr zu einer Wehrpflicht der konsequente nächste Schritt“, so Otte. Der Bericht des IW kommt zu dem gegensätzlichen Schluss: Nur der Weg über die Freiwilligkeit stelle sicher, dass die Soldat:innen motiviert sind. Außerdem bedeute es weniger Kosten. Ein verpflichtender Dienst führt zwangsläufig zu mehr Ausgaben. Vielleicht setzt die Bundesregierung deshalb auch zunächst mal auf den freiwilligen Dienst. Allerdings nur, solange sich genügend Personen melden. Sonst wird erneut im Bundestag über die sogenannte „Bedarfspflicht“ abgestimmt. Das bedeutet eine Rekrutierung der jungen Generation per Los-verfahren: und damit per Zwang. Angesichts der hohen Ablehnung würde dies aber wahrscheinlich wieder zu Protesten führen. Alles weitere wird sich zeigen.

Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/bundeswehrfoto/with/53783444922https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/antworten-zum-neuen-wehrdienst-2397476

https://www.bmvg.de/de/presse/personalzahlen-positiver-trend-haelt-an-6049198

https://www.bundeswehr.de/de/organisation/zahlen-daten-fakten/personalzahlen-bundeswehr

https://www.bmvg.de/resource/blob/5917660/335f1d38773468fdcfbfe6b482c02fdb/2024-infrastrukturbericht-data.pdf

https://dserver.bundestag.de/btd/21/042/2104200.pdf

https://www.sueddeutsche.de/politik/bundeswehr-fallschirmjaeger-zweibruecken-ermittlungen-fehlverhalten-li.3361199

https://www.uni-mannheim.de/media/Einrichtungen/Abteilung_Kommunikation/Dokumente/Pressemitteilungen/Pressemitteilungen_2025/06_30_Krebs_Militaerausgaben.pdf/flipbook

https://www.stern.de/news/umfrage–54-prozent-der-deutschen-fuer-wiedereinfuehrung-der-wehrpflicht-36128412.html

https://www.dezim-institut.de/fileadmin/user_upload/fis/publikation_pdf/FA-6463.pdf

https://www.sueddeutsche.de/politik/bundeswehr-reparaturstau-probleme-panzer-ausruestung-li.3492885?reduced=true

https://www.bmvg.de/de/aktuelles/deutschland-investiert-in-verteidigung-und-staerkt-das-buendnis-6045046

https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Report/PDF/2025/IW-Report_2025-Wehrpflichtsdebatte.pdf

https://zms.bundeswehr.de/de/publikationen-ueberblick/bevoelkerungsbefragung-2025-deutschland-fuehrungsrolle–5990790

https://www.bmvg.de/de/presse/neuer-wehrdienst-6054404

https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/bundeswehr-verteidigungsminister-pistorius-plant-bauoffensive-in-olivgruen/100160427.html

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