EXKLUSIV Interview mit Simon David Dreßler

Simon David Dreßler, linker Influencer und Streamer, saß als einer von drei Gästen auf dem Podium der Wehrpflicht-Diskussion am FWG – und stand im Zentrum des Eklats, als Schulleiter Pommerening live eingriff, nachdem Dreßler die israelische Regierung als „faschistoid“ bezeichnet hatte. Im Exklusiv-Interview mit VOX ICARI ordnet er den Abend, den Eingriff und seine eigene Rolle ein.

Zur Veranstaltung

VOX ICARI: Wie hast du die Podiumsdiskussion am 7. Mai insgesamt erlebt und was hat dich dazu bewogen, daran teilzunehmen?

Simon David Dreßler: Mit meiner Arbeit auf Social Media möchte ich junge Menschen erreichen, ich möchte sie davon überzeugen, dass die neue deutsche Kriegstüchtigkeit nicht zu ihren Gunsten passiert. Sondern dass sie, die jungen Menschen, im schlimmsten Fall für einen Staat in den Krieg ziehen und sterben müssen, der sich nicht die Bohnen für sie interessiert und der ganz andere Interessen hat, als unsere Freiheiten und unser gutes Leben zu beschützen. Ich möchte junge Menschen erreichen, weil sie es sind, die primär von der kommenden Wehrpflicht betroffen sind. Deshalb fand ich eure Veranstaltung auch sehr wichtig und bin ich der Einladung gerne gefolgt, weil mit jungen Menschen oft niemand redet, vor allem nicht aus der Politik.

Wie war die Atmosphäre in der Aula und wie hast du das Publikum wahrgenommen?

Ich fand die Atmosphäre schön, man hat gemerkt, dass sich viele der Schüler:innen ehrlich für das Thema interessieren und schon eine Meinung dazu haben. Ich kann mir vorstellen, dass sich einige vielleicht ein bisschen stärker eingebracht hätten, wenn keine Lehrkräfte dabei gewesen wären, aber es ist nun mal eine Schule, da wird man eben beaufsichtigt.

Wie verlief die Diskussion aus deiner Sicht, bevor es zum Eklat kam?

Die Diskussion verlief besser als viele andere, bei denen ich in der Vergangenheit teilgenommen habe, vor allem besser als irgendwelche Talkshows im Fernsehen. Die beiden Moderator:innen haben ihren Job wirklich gut gemacht, vielleicht könnte sich ein Markus Feldenkirchen oder ein Markus Lanz etwas davon abschauen, auch mal kritische Fragen an die Pro-Bundeswehr-Seite zu stellen.

Würdest du dir organisatorisch mehr wünschen?

Nein, ich würde sagen, dass alle beteiligten Schüler:innen da wirklich etwas Beeindruckendes auf die Beine gestellt haben.

Zum Eingriff des Schulleiters

Was ging dir durch den Kopf, als der Schulleiter nach vorne kam und deine Aussage öffentlich zurückgewiesen wurde?

Als er auf die Bühne lief, dachte ich mir schon, dass gleich so etwas in der Art kommen würde, deshalb war ich nur so semi-überrascht. Als eine Schülerin dabei rief „Das ergibt nicht mal Sinn!“, wusste ich nicht, ob das an mich gerichtet war oder an den Schulleiter, aber sie hat es im Nachhinein auf Social Media klargestellt; es galt dem Schulleiter und seinen Ausführungen darüber, welche Art der „Israel-Kritik“ er erlaube.

Hattest du das Gefühl, dich noch ausführlich zu äußern, bevor du unterbrochen wurdest?

siehe Antwort auf Frage 15

Der Schulleiter sagte wörtlich, die Bezeichnung der israelischen Regierung als faschistoid habe „an unserer Schule nichts zu suchen.“ Kurz vorher bezeichnete der JU-Vertreter Frauen als „wertvolle Ressource“ fürs Militär. Wie bewertest du diese Ungleichbehandlung?

Seine Wertung darüber, was eine akzeptable Aussage an einer Schule ist, passt zum aktuellen Kriegskurs, auf dem sich Deutschland befindet. Was völlig okay ist: Waffen liefern an einen Staat, der innerhalb von zwei Jahren vermutlich weit über 100.000 Menschen in Gaza getötet und der in seinen völkerrechtswidrig besetzen Gebieten im Westjordanland ein System geschaffen hat, bei dem Millionen von Palästinenser täglicher Unterdrückung und Vertreibung ausgesetzt sind. Was auch völlig okay ist: über (zum großen Teil minderjährige) Menschen als „Ressource“ sprechen, vor allem bei einem Arbeitgeber wie der Bundeswehr, dessen Aufgabe nicht das Backen von Brötchen, sondern der Krieg, das Töten und das Sterben ist. Was nicht okay ist: das schlecht zu finden und korrekt zu benennen. Übrigens: Einer der Minister der israelischen Regierung, Bezalel Smotrich, bezeichnet sich selbst als „homophoben Faschisten“. Dürfte er das an eurer Schule über sich selbst sagen oder würde auch da der Schulleiter einschreiten? Fragen über Fragen.

War das deiner Ansicht nach ein Eingriff in die Meinungsfreiheit und war er illegal?

Illegal war das auf keinen Fall, mir wurde das ja nicht per Gesetz verboten und außerdem war ich Gast an eurer Schule. Es passt aber zu einem Trend, bei dem der Korridor der politisch tolerierten Meinungen immer enger wird, vor allem was die deutsche Außenpolitik angeht, vor allem was den Nahen Osten angeht. Der Fakt, dass es aktuelle Bestrebungen der hessischen Landesregierung gibt, für das Leugnen des Existenzrechts vom Staat Israel bis zu fünf Jahre Gefängnis zu verhängen, spricht für diese These.

Zu dir:

Du bist bekannt für pointierte politische Aussagen auf deinem Kanal. Bist du mit einer bestimmten Absicht in diese Diskussion gegangen?

Ich möchte Menschen davon überzeugen, dass es in Ordnung ist, für sich selbst zu denken und Autoritäten zu hinterfragen – vor allem Autoritäten in Form von Politiker:innen und Schulleitern.

War es deiner Meinung nach strategisch klug, in einer Schulveranstaltung mit Schülerinnen und Schülern ab der 9. Klasse so fundamentale Staatskritik zu üben? Oder hast du bewusst in Kauf genommen, dass das eskaliert?

Ich halte Schüler:innen für intelligent und reflektiert genug, dass ich sie nicht mit meiner Kritik an Staat und Kapitalismus überfordere. Ich selbst wurde erst als Erwachsener politisiert und bin jeden Tag aufs Neue positiv überrascht, wie politisch aktiv junge Menschen sind und wieviel Ahnung sie haben, viel mehr als ich, als ich noch Schüler war. Und weil ich die Schüler:innen nicht für dumm halte, will ich auch nicht so tun, als wäre meine Kritik eine andere, als sie eigentlich ist. Mit der Wahrheit kommt man immer am weitesten.

Du hast gesagt, deine Vision einer Welt ohne Nationalstaaten und Profitlogik sei „nicht so unrealistisch.“ Wie konkret ist dein Alternativmodell eigentlich?

Nice try, Herr Verfassungsschutz!

Du hast den Verfassungsschutz selbst erwähnt und gesagt, dein Podcast stehe da „noch nicht“ drin. Wie weit gehst du mit deiner Staatskritik und wo ziehst du selbst eine Grenze?

Ich stehe fest auf dem Boden des Grundgesetzes und der Verfassung.

Siehst du dich selbst in der Verantwortung, an einem Schulformat sachlich zu bleiben oder ist Provokation Teil deines Ansatzes?

Weil ich genau das wichtig finde, bin ich sehr sachlich geblieben, wohingegen der Schulleiter die im Großen und Ganzen wirklich gesittete und geordnete Diskussion stören und seine persönlichen politischen Fehlschlüsse in den Raum rufen musste.

Du hast den JU-Vertreter mit einem alten Tweet konfrontiert. War das inhaltliche Kritik?

Ja. Es ging (im Gegensatz zu dem, was eine Schülerin danach in meinen Kommentarspalten verbreitete) nicht um einen persönlichen Angriff auf den JU-Menschen, sondern um die eigentliche Sache: Herr Appuhn hat im Brustton der Überzeugung von unseren „westlichen Werten“ gesprochen, die wir mit einer Wehrpflicht angeblich verteidigen. Gleichzeitig ist es doch so, dass deutsche Regierungen und Parlamente, also die Organe, die die Bundeswehr befehligen, über zwei Jahre fast ausnahmslos hinter dem israelischen Staat standen, der schwerste Kriegsverbrechen begeht und (nach meiner Auffassung und der vieler Wissenschaftler:innen) einen Völkermord in Gaza begangen hat. Es ist doch so, dass der deutsche Bundeskanzler den völkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran im Juni 2025 durch die USA und Israel, bei dem hunderte Zivilisten getötet wurden, als „Drecksarbeit“ bezeichnete, die man eben machen müsse. Es ist so, dass der Bundeskanzler einige Monate danach, als der Krieg im Iran längst vorbei war, die Waffenlieferungen an Israel kurz (!) pausierte, da selbst ihm, einem waschechten Israel-Ultra, die Kriegsverbrechen in Gaza zu brutal und der öffentliche Druck zu stark wurde. Darauf bezog sich der Re-Tweet von Herrn Appuhn vom 8.8.2025 (Zitat: „Israel macht ab heute die Drecksarbeit für uns, nur ohne deutsche Waffen.“): nicht, wie er fälschlicherweise behauptete, auf die israelischen Angriffe auf die iranischen Atomanlagen, die waren zu diesem Zeitpunkt ja längst vorbei. Sondern auf die Aussetzung der Waffenlieferungen an Israel durch Bundeskanzler Merz, und die wurden zu diesem Zeitpunkt nun einmal hauptsächlich für den Völkermord in Gaza eingesetzt. Damit bekundet Herr Appuhn stolz auf seinem Account, dass der all das, was dort passiert, gut findet, während er gleichzeitig davon faselt, dass Deutschland die tollen Werte in der Welt verteidigt. Das war meine Kritik: das Aufzeigen der offensichtlichen Doppelmoral der deutschen Außenpolitik.

Der Schulleiter hat eingegriffen — und du hast daraus direkt Content für deinen Kanal gemacht. Nutzt du die Podiumsdiskussion nur für Content?

Ich finde das „nur“ verfehlt; ich war ja dort und habe mit den Schüler:innen und meinen Bühnenkollegen diskutiert. Das war der primäre Sinn meines Besuchs. Die Zweitverwertung von [Clips] auf meinen Kanälen wäre zwar schön gewesen, aber auch wenn das von vornherein nicht möglich gewesen wäre, wäre ich gerne zu euch kommen. Das [Statement-Video] im Nachhinein über den Vorfall war eine Reaktion auf das Verhalten des Schulleiters. Ich ging davon aus, dass das interessant für viele in meiner Zuschauerschaft sein könnte – und ich hatte Recht.

Author

  • Oskar ist Schüler der Klasse 9a am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und Gründer von Vox Icari. Als Chefredakteur trägt er die inhaltliche Verantwortung für die Zeitung, leitet die Medien-AG und betreut als Website-Admin die technische Seite der Plattform. Die Chefredaktion ist bis zur Wahl im nächsten Schuljahr in seiner Hand – dann entscheidet die Redaktion neu.

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