
Influencer Simon David Dreßler, Schulleiter Ralf Pommerening | Quellen: siehe unten, Bildmontage
Ich möchte, dass hier diskutiert wird, aber einen Punkt weise ich zurück. Wenn an unserer Schule von einer faschistoiden Regierung Israels geredet wird, dann hat diese Aussage an unserer Schule nichts zu suchen. Das ist keine Aussage unserer Schule und diese Aussage lasse ich nicht zu.
Mit diesen Worten beendete Schulleiter Pommerening am 6. Mai die Podiumsdiskussion zur Wehrpflicht am FWG. Tobender Applaus aus der Schülerschaft folgte. Wenige Minuten zuvor hatte ein anderer Podiumsgast Frauen als „wertvolle Ressource“ für die Bundeswehr bezeichnet. Eingegriffen hatte da niemand.
Hintergrund
Am 6. Mai, hatte die SV, passend zum bundesweiten Schulstreik gegen die Wehrpflicht eine Podiumsdiskussion organisiert. Dort diskutierten der Vorstand der Kölner Jusos Leon Boness, ein Beisitzer und Sicherheitsbeauftragte der JU NRW Aaron Apphun, der auch bei der Bundeswehr arbeitet, sowie der linke Influencer und Streamer Simon David Dreßler.
Schon im Vorfeld gab es erste Eingriffe: Plakate und Materialien vom Schulstreikkomitee im Rahmen der begleitenden Infostände wurden von der Schulleitung entfernt.
Verlauf
Die Diskussion lief von Anfang an ungleich verteilt. Während Dreßler und Apphun sich heftige Wortgefechte lieferten, brachte sich Boness, der Vertreter der Kölner Jusos, nur gelegentlich ein. Dreßler wich zudem oft Fragen von den Moderator:innen aus und lenkte die Diskussion auf seine inhaltlichen Punkte.
Zur Sprache kam dabei auch ein Repost von Appuhn aus dem August 2025, in dem es hieß, Israel mache „die Drecksarbeit für uns“. Als die Diskussion auf das Verhältnis von Bürger und Staat kam, äußerte Dreßler grundlegende Kritik: Das Parlament repräsentiere die Interessen der Bürger nicht ausreichend, der Staat verfolge im Kriegsfall eigene Interessen statt jene seiner Bevölkerung.
Später, als Appuhn erklärte, er stehe fest an der Seite Israels, bezeichnete Dreßler die israelische Regierung als faschistoid. In diesem Moment ging Schulleiter Pommerening von seinem Platz in der letzten Reihe nach vorne und sprach das eingangs zitierte Statement.
Die Position der Schulleitung
Im Gespräch mit VOX ICARI erläuterte die Schulleitung ihre Sicht der Dinge. Demnach habe bereits Dreßlers grundsätzliche Kritiken am Staat wie „nicht verteidigenswert“ u.ä. als verfassungsfeindlich gegolten. Als Beamte seien Lehrkräfte nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, bei solchen Aussagen einzugreifen.
Zusätzlich verwies die Schulleitung auf die besondere Rolle der Schule: Das FWG sei zuständige Korrespondenzschule für jüdische Religionslehre und kooperiere mit der Kölner Synagogen Gemeinde, woraus sich eine besondere Schutzfunktion ergebe. Israelkritik an sich sei legitim, betonte die Schulleitung mehrfach, man habe sich lediglich gegen die konkrete Wortwahl in diesem schulischen Kontext verwehrt. Zur genauen Differenzierung zwischen „faschistoid“ und „faschistisch“ wollte sich die Schulleitung im Nachhinein nicht mehr im Detail äußern, ebenso wenig zur inhaltlichen Bewertung der Aussage von Appuhn über Frauen als Ressource.
Wichtig war der Schulleitung außerdem die Klarstellung, dass die Veranstaltung nicht abgebrochen und niemand vom Podium entfernt wurde. Man habe lediglich selbst Stellung bezogen, als eigener Diskussionsbeitrag, nicht als Eingriff in die Veranstaltung.
Die Position Dreßlers
Im Exklusiv-Interview mit VOX ICARI äußerte sich Dreßler deutlich kritischer. Überrascht habe ihn der Eingriff selbst kaum: „Als [der Schulleiter] auf die Bühne lief, dachte ich mir schon, dass gleich so etwas in der Art kommen würde.“
Den Kern seiner Kritik richtet er gegen die Ungleichbehandlung der beiden Aussagen. Er verweist auf den israelischen Minister Bezalel Smotrich, der sich selbst öffentlich als „homophoben Faschisten“ bezeichnet: „Dürfte er das an eurer Schule über sich selbst sagen, oder würde auch da der Schulleiter einschreiten? Fragen über Fragen.“
Zur Rechtmäßigkeit des Eingriffs äußert sich Dreßler differenziert: „Illegal war das auf keinen Fall, mir wurde das ja nicht per Gesetz verboten.“ Er ordnet das Vorgehen aber in einen größeren Trend ein, bei dem seiner Wahrnehmung nach der Korridor tolerierter Meinungen zur deutschen Nahost-Politik immer enger werde.
Faktencheck
Was bedeutet „faschistoid“? Der Begriff beschreibt in der Politikwissenschaft Systeme oder Regierungen, die autoritäre oder nationalistische Tendenzen zeigen, ohne dass eine vollständige Gleichsetzung mit historischem Faschismus gemeint ist. Es handelt sich um eine Abstufung, nicht um eine Gleichsetzung. Ob diese Einordnung auf die israelische Regierung zutrifft, ist politisch umstritten und wird von Wissenschaftler:innen unterschiedlich bewertet.
Ob man als Korrespondenzschule für jüdische Religionslehre bei einer Israel kritischen Aussage einschreiten musste, bleibt fragwürdig. Viele Jüdische Poltiker:innen und Menschenrechtsorganisationen wie B’Tselem kritisieren die Regierung genauso scharf.
Die Schulleitung hatte rechtlich grundsätzlich die Befugnis, gegen tatsächlich verfassungsfeindliche Aussagen einzuschreiten. Die entscheidende Frage bleibt aber, ob Dreßlers Einschätzung zum Verhältnis von Parlament und Bürgerinteressen tatsächlich diese Schwelle erreichte, oder ob es sich um eine kontroverse, aber legitime politische Position handelte, die das Kontroversitätsgebot gerade hätte schützen sollen. Seine Aussage über die israelische Regierung betraf zudem die Außenpolitik eines anderen Staates, nicht direkt die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik.
Die Fragen
Am Ende bleiben einige Frage offen: Wird der Korridor des Sagbaren enger? Was darf man sagen – was nicht? Wo zieht man Grenzen – wo muss man einschreiten? Ist Israel-Kritik legitim oder schon antisemitisch?
Nur eins ist klar: Wir sollten reden!
Porträt Schulleiter: FWG Köln, Quelle: https://www.fwg-koeln.de/home?start=228 sowie https://www.fwg-koeln.de/images/Aktuelles/Dokumente/260.neuerSchulleiter2023/20230802_143447.jpg.
Porträt Simon David Dressler: Foto: Marcus Höhn, veröffentlicht bei Der Freitag, Quelle: https://www.freitag.de/autoren/anna-raab/linksfluencer-simon-dressler-steht-er-hinter-dem-wahlerfolg-der-linkspartei/@@images/image-1000-567034e3249ac3014e47921186df4461.jpeg.
Podiumsfoto: Oskar H.
Bildmontage: Oskar H.
Bearbeitung: Montage aus mehreren Bildern; Änderungen vorgenommen.

Richtig toller Text!