Vom So. (6.9) bis So. (13.9) verwandelte sich der Chlodwigplatz in der Kölner Südstadt in
eine interaktive Aktionsfläche. Organisiert wurde das Ganze von der Initiative „Demos neu
denken“. Das war ein Bündnis, das sich aus engagierten Einzelpersonen sowie
verschiedenen Gruppen zusammensetzte – wie zum Beispiel der Klimabewegung
„Aufbäumen“ oder Bündnissen gegen Faschismus. Sie alle einte die Unzufriedenheit mit
klassischen, braven Fußmärschen. Ihr großes Ziel:
Miteinander reden statt stur hinterherlaufen
Dass es um viel mehr ging als um Parolen, machte eine der Organisatorinnen mit dem
Namen Aki im Interview klar. Denn auf die Frage, warum sie beigetreten sei, antwortete sie
so:
„Ich habe über Freunde davon erfahren. Und wir haben uns darüber unterhalten, das jetzt
mit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die am Sonntag war, damit zu rechnen ist, dass
es wieder sehr viel Protest geben wird. Und, genau, bei den letzten Kollektivmärschen
waren ja auch 100.000e auf den Straßen in ganz Deutschland und wir haben das so ein
bisschen beobachtet, waren selber auch auf der Straße. Aber haben dann gedacht, dass
es relativ schnell verpufft.
Das ist dann für ein paar Tage in der Presse, aber sonst ist nicht irgendwas Nachhaltiges
daraus geworden und unsere Idee war eben mit dieser Platzbesetzung zu sagen: Wir sind
jetzt eine Woche lang vor Ort, um uns zu vernetzen, um Menschen inhaltlich noch mal
Input zu geben, aber auch um uns mit ihnen zu unterhalten. Mit den Leuten, die
interessiert sind, aber auch mit den Leuten, die vielleicht anderer Meinung sind. Und ich
bin der Meinung, dass das bisher ganz gut klappt.“
Dieses Zitat brachte auf den Punkt, was am Chlodwigplatz anders lief als bei
herkömmlichen Protesten. Wer schon mal auf einer klassischen Demonstration gewesen
war, kannte das Prinzip: Man stand sich bei langen Reden die Beine in den Bauch, lief
danach stundenlang stur hinter einem Lautsprecherwagen her und ging am Ende wieder
nach Hause. Oft fühlte sich das eher wie Frontalunterricht an – einer redete von der
Bühne, alle anderen hörten nur passiv zu.
Die Aktion in der Südstadt brach mit diesem Muster. Statt einer festen Demo-Route wurde
der Platz eine Woche lang besetzt und in einen lebendigen Treffpunkt verwandelt. Das Ziel
war echter Austausch auf Augenhöhe: statt Schilder hochhalten, die Demo gemeinsam
gestalten. Es ging darum, miteinander ins Gespräch zu kommen – und zwar nicht nur mit
denjenigen, die sowieso schon der gleichen Meinung waren. Genau das machte das
Konzept so spannend: Die Aktivisten suchten gezielt den Dialog mit interessierten
Passanten, aber auch mit Kritikern, um Vorurteile abzubauen und den Protest wieder zu
einem Ort echter Diskussion zu machen.
Konnte man das denn in die Politik bringen?
Oft fühlte es sich so an, das die Politik nur über die Parteien lief. Man fühlte sich
abgehängt und ungesehen. Doch in der Gruppe waren viele der Überzeugung dass „Sehr
viel Politik auch aus der Gesellschaft kommen kann.“ und das „Man sich sehr viel an dem
was und irgendwie ein gutes Leben gibt und eine Sicherheit im Leben, das wir das auch
selbst solidarisch aufbauen können“
Wenn Bürgerinnen und Bürger sich zusammenschlossen und anfingen, die Probleme
selbst in die Hand zu nehmen, entstand eine ganz neue Form von Zusammenhalt: Man
wartete nicht mehr passiv darauf, dass „die da oben“ etwas veränderten.
Genau deshalb war dieses Umdenken kein reines Kölner Phänomen, sondern eine
Bewegung, die bundesweit an Bedeutung gewann. In ganz Deutschland gab es
inzwischen Aktionen von „Demos neu denken“, die in engem Austausch miteinander
standen.
Überall experimentierten Gruppen mit neuen Formaten, um damit den Protest aus der
Sackgasse der reinen Symbolik zu führen. Wenn eine Demonstration nicht mehr nur aus
einem braven, zweistündigen Fußmarsch bestand, sondern Orte tagelang besetzt und
belebt wurden, konnte die Politik das nicht mehr einfach ignorieren. Köln war diese Woche
einer der Plätze für eine neue, selbstbewusste Art der Bürgerinitiative und des Protestes.
So wurde es am Chlodwigplatz umgesetzt
Um diesen Austausch überhaupt möglich zu machen, wurde genau geplant, wie der Platz
aufgebaut wurde. Wer in den letzten Tagen den Chlodwigplatz betreten hatte, merkte
sofort:
Hier war nichts wie bei einer normalen Demo. Anstelle von Absperrgittern gab es eine
Essens-/Infozelt, eine Sofa-Ecke, Picknicktische, eine kleine Bühne und einen Kicker, die
wie in ein öffentliches Wohnzimmer einluden. Jede Station warso aufgebaut, dass man
sofort ins Gespräch kommen und sich informieren konnte. Viele der Sachen dort waren
übrigens vom Freiraumkollektiv aus Ehrenfeld gestellt worden.
Vor Ort gab es offene Diskussionsrunden, Musik, Essen, Workshops oder auch ein
Mikrofon für jeden. Es war die perfekte Gelegenheit, um vorbeizuschauen, sich zu
unterhalten und selbst zu sehen, wie lebendig Politik auf der Straße sein konnte.
